SPD Karlsruhe

SPD und Naturfreunde: Mit uns zieht die neue Zeit!

Historisches

Anläßlich des 150. Jubiläums der SPD hat der Sozialdemokrat Volker Ebendt (Ortsverein Grötzingen) das Verhältnis der SPD zu den Naturfreunden im historischen Kontext umfassend analysiert und den Blick in die Zukunft gewandt.

Mit uns zieht die neue Zeit

Überblick über die Entstehung der NaturFreunde und deren Einbettung in die alte Arbeiterbewegung und das Verhältnis zur Sozialdemokratie.

1. Arbeitervereine und Sozialdemokratie bis 1933

Um die Gemeinsamkeit von Sozialdemokratie und NaturFreundebewegung zu erfassen, bedarf es eines Rückblickes in die Zeit der Arbeiterbewegung während und nach den Sozialistengesetzen in den 1880er-Jahren
in dieser Zeit bedeutete die Zugehörigkeit zur Arbeiterbewegung gleichzeitig auch die Prägung des Privatlebens durch „proletarische Freizeit- und Kulturorganisationen“.
Die alte Arbeiterbewegung bezog ihre Kraft und Widerstandsfähigkeit nicht nur aus der Partei- und Gewerkschaftsarbeit, sondern im besonderen Maße von den Arbeitervereinen, in denen Alltagsleben und Freizeit mit dem politischen Leben zusammentrafen.
Zu Beginn der Weimarer Republik verstanden sich die Arbeitervereine - darunter die NaturFreunde - immer deutlicher als tragender Bestandteil der sozialdemokratischen Bewegung und Vermittler des Klassenbewusstseins. Sie hatten sich zu Arbeitersportkartellen zusammengeschlossen und entfalteten zum 1. Mai und anderen Aktionstagen umfangreiche Aktivitäten.
Doch diese Einheit war nicht von langer Dauer. Die Arbeiterbewegung spaltete sich frühzeitig in Sozialdemokraten und Kommunisten. Diese politischen Auseinandersetzungen machten auch vor den NaturFreunden nicht halt. Seit Mitte der 20er Jahre fanden diese Richtungskämpfe auch innerhalb der NaturFreundegliederungen statt, vor allem im Gau Brandenburg-Berlin, im Gau Württemberg und im Gau Rheinland. Dies führte letztlich dazu, dass auf der dritten Reichsversammlung des „Touristenvereins die Naturfreunde (TVdN)“ 1930 in Dresden ein Unvereinbarkeitsbeschluss verabschiedet wurde, in dessen Folge der Verband die Hälfte seiner Mitglieder einbüßte.

2. Von der Gründung bis zum Verbot 1933 des „Touristenvereins
DIE NATURFREUNDE“

1895 hatte sich aufgrund einer Anzeige in der Wiener Arbeiterzeitung eine touristische Neigungsgruppe innerhalb der sozialdemokratischen Partei gebildet. Unter den Gründern ein Lehrer, ein Sensenschmied, ein Schriftsetzer und ein Student, der spätere sozialdemokratische Reichskanzler der Republik Österreich Karl Renner (1926).
Aus dieser losen Gruppe entstand sehr schnell ein ständiger Verein, der „TOURISTENVEREIN DIE NATURFREUNDE“. Er sollte neben die alpinen Vereine des Bürgertums treten und durch geringe Mitgliedsbeiträge dem Arbeiter die organisierte Teilnahme am Bergsport möglich machen.
Das Gründungsmitglied Georg Schmiedl, ein sozialistischer Lehrer und Freidenker, formulierte die lebensreformerischen Intentionen des NaturFreunde-Vereins:

„Wir wollen vor allem die Arbeiter losreißen von den Stätten des Alkohols, vom Würfel- und Kartenspiel. Wir wollen sie aus der Enge der Wohnungen, aus dem Dunst der Fabriken und Wirtshäuser hinaus leiten in unsere herrliche Natur, sie der Schönheit und Freude entgegen führen. Wir wollen sie in die Lage versetzen, ihren Körper und ihren Geist freizumachen von dem trüben und öden Allerlei des Alltags!“

Nach zwei Jahren wurde in Steyr die zweite Ortsgruppe gegründet, dem später viele Gründungen in Österreich folgten. 1905 wurden in Zürich und München die ersten Ortsgruppen außerhalb Österreichs gegründet. Am 11. Mai 1909 findet im Gasthaus Auerhahn in der Schützenstraße die Gründungsversammlung der Karlsruher NaturFreunde statt. 1910 gründeten sich die Durlacher, 1912 die Grötzinger NaturFreunde. Sie waren organisatorisch der Zentrale Wien angeschlossen.

Von Anfang an waren die NaturFreunde eine Familien- und Selbsthilfeorganisation für die gesamten Freizeitinteressen. Sie unternahmen Wochenendausflüge und engagierten sich für Fahrpreisermäßigungen, ein freies Wegerecht und öffentlichen Zugang zu den Erholungsgebieten. Daraus resultiert der NaturFreundegruß „Berg frei“. Kinderlager und Wochenendbetreuungen, Kinderwanderungen und Jugendgruppenarbeit sollten die von Arbeitereltern nicht leistbare Aufgabe einer umfassenden Erziehung und Bildung erfüllen.

Langsam begann der Aufbau eines eigenen Häuserwerks.
1907 wurde auf dem Padasterjoch das erste NaturFreundehaus eröffnet, bei der Karl Renner bei der Einweihungsrede u.a. ausführte:
„Berg frei, Welt frei, Völker frei – Wenn ihr hinaus eilt in die Natur, wenn ihr wiederkommt in dieses Haus, erinnert euch daran, was wir wollen, vergesst nicht, was die Aufgabe der Menschheit ist und es wird nicht nur ein „Berg frei“ sein, sondern ein „Welt frei“

Trotz arger Finanzschwierigkeiten wurde der Hausbau energisch forciert. 1912 konnte die Ortsgruppe Karlsruhe die Einweihung des ersten NaturFreundehauses, der „Schäfersgrüb“ im Schwarzenbachtal in Baden feiern. Das Haus wurde später Opfer des Baus der Schwarzenbachtalsperre des Badenwerkes.
Die Ortsgruppengründung in Karlsruhe zusammen mit dem Bau des NaturFreundehauses war der Impuls für das schnelle Ausbreiten der NaturFreunde-Idee in Nordbaden und dem Bau weiterer Häuser.

Was die inhaltliche Arbeit der NaturFreunde angeht, bleibt festzuhalten, dass sie wohl auf die vielen aus der Handwerkertradition kommenden „Wandergesellen“ und vielfach NaturFreundeortsgruppengründer zurückgeht. Bei den Aussagen und Zielen der NaturFreunde kombinierten sich naturkundliche Aktivitäten mit kritischem sozial- und umweltverträglichem sanften Tourismus und politischer Agitation. Daraus entstand das Vorbild für eine Form von NaturFreundetourismus, die man bald „soziales Wandern“ nannte. Die Transparentaufschrift bei der Einweihung des Badener Gauhauses in Neckargemünd formulierte dies so:“ Durch soziales Wandern zum Sozialismus“

Durch die frühe Sensibilität für naturkundliche und Naturschutzfragen wurden bereits 1910 die satzungsgemäßen Ziele um „die Verbreitung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und die Pflege von Heimatschutz und Naturschutz“ erweitert.
Die wissenschaftlichen, geselligen, sportlichen und naturschützerischen Unternehmungen sollten über den Weg der NaturFreunde-Arbeiter zum kritischen Sehen und Denken veranlassen.
Von seiner Gründung bis zur 10. Hauptversammlung 1925 wurde der mittlerweile internationale Verband von der Zentrale Wien aus geleitet. Ab dort wurde allen Ländervereinigungen das Recht zugestanden, eigene nationale Leitungen zu bilden und ihre Gebiete selbst zu verwalten.
Trotz dieser Zugeständnisse an nationale Sonderentwicklungen blieben die NaturFreunde weiterhin eine internationale Organisation, was sich für das Überleben der NaturFreundebewegung als entscheidend erwies. Als die NaturFreunde mit dem Sieg des Hitlerfaschismus zusammen mit den anderen Arbeiterparteien, Arbeitervereinen und Gewerkschaften verboten, ihr Vermögen beschlagnahmt und führende Funktionäre verfolgt bzw. umgebracht wurden, verlegten die NaturFreunde ihren Sitz in die neutrale Schweiz nach Zürich.
Heute sind alle nationalen NaturFreundeorganisationen in der NaturFreunde-International (NFI) mit Sitz in Wien zusammengeschlossen.

3. Vom Neubeginn 1945 bis in die 80er Jahre

Die NaturFreunde überlebten als eine der ganz wenigen Arbeitervereine als eigenständige Organisation den zweiten Weltkrieg. Nach dessen Ende lehnten führende Vertreter der SPD hin auf dem Weg zur Volkspartei das Wiederaufleben der alten Arbeiterkultur und Sportbewegungen als eine unnötige Einigelung ab und befürworteten stattdessen die Bildung von Einheitssport- und Kulturorganisationen.
Seit den 50er Jahren bis hinein in die 80er Jahre entwickelten sich die NaturFreunde zunehmend von einem potentiell esoterischen Relikt der Arbeiterbewegung zu einem Scharnier zwischen traditioneller Arbeiterbewegung und den neuen Protest- und Emanzipationsbewegungen.
Die Wahl von Fritz Rück 1955 zum neuen Bundesvorsitzenden kennzeichnet die zunehmende politische Durchdringung der verschiedenen kulturellen, sportlichen und geselligen Arbeiterbereiche. Zusammen mit SPD und DGB entwickelt die NaturFreunde-Bundesleitung ein Konzept von Kulturkartellen, in das sich die NaturFreunde als ökologisches Frühwarnsystem einbringen. In den wilden Jahren des Wirtschaftswunders verflüchtigt sich solche Zusammenarbeit jedoch angesichts des unbegrenzten Wachstums- und Fortschrittsglaubens und der Hoffnung auf das „atomare Zeitalter“, wie es im Godesberger Programm manifestiert wurde.

Die Blindheit der gesamten Linken gegenüber den ökologischen Fragen verwies darüber hinaus die zahllosen Umweltschutzaktionen der NaturFreunde ins belächelte Abseits. Als Widerschein des visionären gesellschaftspolitischen Ansatzes sei dabei auf den NaturFreunde-Bundeskongress 1963 in Heilbronn verwiesen, der unter dem Motto „NATUR IN GEFAHR- MENSCH IN GEFAHR“ stand.
Kultusminister Gerhard Storz als Gastredner bezeichnete dort die NaturFreunde als „Bundesgenossen“ und beklagt, dass man vielerorts den Naturschutz als lästige Erfindung betrachte. Es sei vielmehr notwendig durch vermehrte Aufklärung Verständnis für die Belange des des Naturschutzes zu wecken. Die deutsche NaturFreundebewegung leiste hierzu durch ihre umfassende Kultur- und Bildungsarbeit einen wesentlichen Beitrag, der weit über die Grenzen der eigenen Organisation hinaus wirksam werde. So eilen die NaturFreunde zur Zeit ihres Engagements in der außerparlamentarischen Opposition der 60er Jahre und der beginnenden Bürgerinitiativenbewegung der frühen 70er Jahre in ökologischer und friedenspolitscher Hinsicht der SPD weit voraus.
Die SPD honorierte dieses umweltpolitische Engagement nicht. Besonders die Beteiligung am Ostermarsch und an der Kampagne gegen die Notstandsgesetze entfremdete die NaturFreunde zunehmend von der offiziellen Politik der Sozialdemokratie.

Mit Bildung der sozial-liberalen Koalition und deren neuen Ansatz einer Umweltschutzpolitik orientierten sich die NaturFreunde-Umweltschützer zunehmend auf die Zugarbeit und vermeintliche Beeinflussung parlamentarischer und staatlicher Gremien und Ausschüsse. Die Konzepte zum Natur- und Umweltschutz der NaturFreunde wurden an die Mandats träger der SPD und mit geringem Erfolg auch in die neu geschaffenen staatlichen Beratungsorgane eingebracht, während gleichzeitig die entstehende Bürgerinitiativenbewegung versuchte, unabhängig von den im Bundestag vertretenen Parteien ihre Interessen zu artikulieren. Das Vertrauen in die von der SPD mitgestaltete Regierungspolitik war von Seiten der NaturFreunde groß, eine außerparlamentarische Vertretung ihrer Forderungen schien nicht notwendig. Daher verlief die Gründung von Bürgerinitiativen und Umweltschutzgruppierungen weitgehend ohne die NaturFreunde.
Ende der 70er Jahre fanden sich die NaturFreunde allerdings dann im doppelten Abseits wieder:
- SPD und Gewerkschaften waren sie zu links, zu funktionalistisch oder zu ökologisch
- Den neuen Bewegungen waren sie zu sozialdemokratisch, zu bieder oder zu fortschrittsgläubig.

Mit der Gründung der „Grünen“ und deren Einzug in Länderparlamente und Bundestag war sowohl für die Sozialdemokratie als auch für die NaturFreunde eine neue Situation entstanden, die sich zuerst in Abgrenzung und Berührungsängsten deutlich machte.
Der Weg zu einer langfristig angelegen rot-grünen Zusammenarbeit im parlamentarischen und vor parlamentarischen Raum war und ist oft mühsam und steinig. Er kann aber auch für alle hoffnungsvoll werden, wenn man aus Fehlern der Vergangenheit lernen will und dabei erkennt, dass sich durch Rot-Grün eine sozial gerechte, unweltorientierte und damit eine wieder auch
„NaturFreundliche“ Welt entwickeln kann.

Quellen:
1. Mit uns zieht die neue Zeit.
Jochen Zimmer, Pahl-Rugenstein
2. Berg frei, 100 Jahre NaturFreunde
Manfred Pils, Verlag für Gesellschaftskritik
3. Hundert Jahre Kampf um die freie Natur, Illustrierte Geschichte der NaturFreunde
Wulf Erdmann, Jochen Zimmer, Klartext-Verlag
4. Geschichte der badischen NaturFreunde ,
Heinrich Coblenz veröffentlicht von Wilhelm Beisel unter der Lizenz U-S-W-1062 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung
5. Sechzig Jahre Touristenverein „Die NaturFreunde“
redigiert von Albert Georgi-Valtin, Zürich, Herausgeber: Zentralausschuss der NaturFreunde Internationale (NFI)
6. Rund um den Turmberg
Führer durch das Pfinzgaumuseum ,Stadt Karlsruhe,-Brigitte Baumstark, Badenia-Verlag
7. Festschrift 100 Jahre NaturFreunde Ortsgruppe Karlsruhe e.V. 1909-2009
8. Festschrift 100 Jahre NaturFreunde Grötzingen e.V. 1912-2012: eine Idee lebt
9. Kleine Geschichte Durlachs,
Anke Mührenberg, G.Braun Buchverlag
10. Grötzingen, Ein Beitrag zur Heimatgeschichte von Prof. Dr. Heinrich Dietrich, 1923, Verlag der Gemeinde Grötzingen bei Karlsruhe
11. Vorwärts Extra,
Der lange Weg zu einem besseren Land – 150 Jahre Sozialdemokratie

 
 
 

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